„Wessi“ ist empört über den vermeintlichen Undank von DDR-Bürgern bei Westpaketen

Jedes Jahr erreichten rund 25 Millionen Pakete die Deutsche Demokratische Republik, eine unglaubliche Geste der Solidarität zwischen West und Ost. Doch hinter dieser gut gemeinten Hilfe verbirgt sich eine Geschichte voller Missverständnisse und verletzter Gefühle, die bis heute nachwirkt. Warum wird die damalige Unterstützung heute von manchen als „Billigware aus dem Westen“ abgetan und löst bei den damaligen Spendern blanke Empörung aus? Die Wahrheit über die Pakete in die Deutsche Demokratische Republik ist weitaus emotionaler, als viele ahnen.

Die Westpakete: Mehr als nur Kaffee und Strumpfhosen

Die schiere Menge von durchschnittlich 25 Millionen Paketen pro Jahr verdeutlicht die Dimension dieser privaten Hilfsaktion für die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Es war eine Brücke in einer geteilten Nation, ein Versuch, den „grauen Alltag“ im Osten etwas bunter zu machen. „Ich finde Artikel über die frühere Deutsche Demokratische Republik immer sehr interessant“, schreibt Monika Gerhards, die im Westen aufwuchs, in einem emotionalen Brief, „Doch es regt mich jedes Mal auf, wenn ich die Bemerkung höre: ‚Billigware aus dem Westen.‘ Das empfinde ich als Frechheit, und ich finde, die ehemaligen DDR-Bürger sollten dringend von ihrem hohen Ross herunterkommen.“

Diese starke Reaktion zeigt, wie tief die Wunden sitzen. Für viele Westdeutsche war es eine Herzensangelegenheit, ihre Verwandten und auch Fremde in der Deutschen Demokratischen Republik zu unterstützen. Sie folgten Aufrufen, die dazu ermutigten, Freude zu schenken und zu zeigen, dass man an die Menschen im anderen Teil Deutschlands dachte. Das Versenden der jährlich 25 Millionen Pakete war für sie ein Akt der Empathie.

Was wirklich in den Paketen für die Deutsche Demokratische Republik steckte

Der Inhalt der Pakete war sorgfältig ausgewählt, um Mangelware auszugleichen und kleine Freuden zu bereiten. Kaffee und Kakao waren absolute Klassiker, ebenso wie Seife, Feinstrumpfhosen und Puddingpulver. Konserven mit Ananas, Mandarinen oder Pilzen brachten einen Hauch von Exotik in die Küchen der Deutschen Demokratischen Republik.

Auch Kleidung und Spielzeug fanden regelmäßig den Weg über die Grenze. Katrin Höhne, Jahrgang 1971, erinnert sich an ihre Kindheit in Berlin: „Ich hatte immer zwei Weihnachtsteller… Auf dem Teller meiner Oma lagen nämlich Süßigkeiten aus dem Westen, und die waren sooo lecker.“ Diese kleinen Dinge machten für viele den großen Unterschied und schufen unvergessliche Kindheitserinnerungen in der Deutschen Demokratischen Republik.

Die jährliche Flut von 25 Millionen Paketen war eine logistische und emotionale Meisterleistung, die das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik nachhaltig prägte.

Die harte Realität: Kontrolle und lange Wartezeiten in der DDR

Der Weg eines Westpakets zum Empfänger in der Deutschen Demokratischen Republik war oft lang und steinig. Besonders zur Weihnachtszeit konnte die Zustellung bis zu sechs Wochen dauern. Der Grund dafür waren die strengen Kontrollen durch die Behörden des Staates. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik wusste um die Bedeutung dieser Pakete und beäugte den Inhalt argwöhnisch.

Jedes der 25 Millionen Pakete wurde potenziell von den Kontrollorganen geöffnet. Sabine Pelny berichtet von einer bitteren Erfahrung: „Die Kontrolleure öffneten das Paket häufig und nahmen den Kaffee heraus.“ Manchmal führte die lange Lagerung auch dazu, dass Lebensmittel verdarben; sie erinnert sich an verschimmelte Orangen.

Ein „erfreuliches Beiwerk“, aber kein Lebensretter

Es ist wichtig, die Perspektive der Empfänger in der Deutschen Demokratischen Republik zu verstehen. Beate Müller, die dort bis zu ihrem 27. Lebensjahr lebte, beschreibt die Westpakete als „erfreuliches Beiwerk“. Sie waren eine willkommene Ergänzung, aber nicht die Grundlage des täglichen Lebens. Die Grundversorgung in der Deutschen Demokratischen Republik war, wenn auch auf einfachem Niveau, gesichert.

Die Pakete brachten Luxus und Abwechslung. Die Zutaten für den berühmten Christstollen zum Beispiel kamen oft aus dem Westen. Diese Geste zeigt die enge Verbindung, die trotz der Mauer bestand. Die jährlich 25 Millionen Pakete waren somit ein Symbol für den familiären Zusammenhalt über die Grenze hinweg und ein Lichtblick im System der Deutschen Demokratischen Republik.

Dankbarkeit auf Ostdeutsch: Die Kunst der Gegengabe

Der Vorwurf der Undankbarkeit, der heute viele „Wessis“ empört, übersieht oft eine wichtige Tatsache: Viele Bürger der Deutschen Demokratischen Republik revanchierten sich auf ihre Weise. Sie schickten ebenfalls Pakete in die Bundesrepublik, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Diese „Dankeschön-Pakete“ waren ein fester Bestandteil des innerdeutschen Austauschs.

Da sie keinen Zugang zu West-Waren hatten, griffen die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik auf das zurück, was ihr Land zu bieten hatte: hochwertige Handwerkskunst. Die Tradition des Schenkens war in der Deutschen Demokratischen Republik tief verwurzelt.

Stollen und Räuchermännchen als Dankeschön

Besonders beliebt waren kunsthandwerkliche Geschenke aus dem Erzgebirge wie Pyramiden, Nussknacker, kleine Engelchen und Räuchermännchen. Auch umhäkelte Taschentücher galten als liebevolles und persönliches Geschenk. Der materielle Wert war gering, der ideelle jedoch unschätzbar. Die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik zeigten damit ihre Wertschätzung.

Mario Steppan (62) erzählt, wie seine Mutter und Großmutter regelmäßig 12 bis 13 große Christstollen buken. Sechs bis sieben davon wurden an die Westverwandtschaft geschickt. Diese Geste war mehr als nur ein Tauschhandel; es war ein Zeichen, dass die Hilfe ankam und geschätzt wurde, eine wichtige soziale Interaktion innerhalb der geteilten Nation, die durch die 25 Millionen Pakete erst ermöglicht wurde.

Typischer Inhalt eines WestpaketsTypischer Inhalt eines „Dankeschön-Pakets“ aus der DDR
Bohnenkaffee, Schokolade, KakaoDresdner Christstollen
Feinstrumpfhosen, SeifeRäuchermännchen aus dem Erzgebirge
Puddingpulver, BackzutatenNussknacker und Holzpyramiden
Konserven (Ananas, Mandarinen)Umhäkelte Taschentücher
Kleidung und SpielzeugKunsthandwerkliche Geschenke

Wessi-Frust trifft auf Ossi-Stolz: Ein ungelöstes Trauma?

Die Perspektive von Monika Gerhards ist schmerzhaft und nachvollziehbar. „Ich erinnere mich genau daran, dass wir selbst keine Schokolade hatten, aber trotzdem packten wir all diese tollen Dinge in Pakete für unsere armen Verwandten im Osten“, schreibt sie. Ihre Familie, selbst von Flucht und Verlust gezeichnet, teilte das Wenige, was sie hatte. Die 25 Millionen Pakete waren ein gesamtdeutscher Kraftakt.

Ihre Enttäuschung nach dem Mauerfall ist greifbar: „Nach dem Mauerfall verhielten sich meine nun wohlhabenden Ossis nicht gerade dankbar. Das ist meine Sicht als Wessi, der bereit war, zu teilen. Heute spende ich nicht mehr.“ Dieses Gefühl, dass die eigene Großzügigkeit nicht gewürdigt wurde, teilen viele aus der westdeutschen Generation, die die Pakete für die Deutsche Demokratische Republik packten.

Die komplexe Erinnerung an die Deutsche Demokratische Republik

Auf der anderen Seite steht die komplexe Erinnerung vieler ehemaliger Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Die verklärende Rückschau, in der „alles toll und super war“, ist oft eine Abwehrreaktion auf die pauschale Abwertung ihrer Lebensleistung nach der Wende. Die Debatte um die Deutsche Demokratische Republik ist auch heute noch von Emotionen und Missverständnissen geprägt.

Die Aussage „Billigware aus dem Westen“ mag undankbar klingen, kann aber auch Ausdruck eines wiedergefundenen Selbstbewusstseins sein – der Versuch, sich von der Rolle des bedürftigen Empfängers zu emanzipieren. Die Geschichte der 25 Millionen Pakete ist somit auch ein Lehrstück über die Psychologie des Gebens und Nehmens in einem geteilten Land wie der Deutschen Demokratischen Republik. Die Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik dauert an.

Wie viele Westpakete wurden jährlich in die Deutsche Demokratische Republik geschickt?

Durchschnittlich erreichten jährlich rund 25 Millionen Pakete aus der Bundesrepublik die Deutsche Demokratische Republik. Diese Zahl unterstreicht die enorme Bedeutung dieser privaten Hilfsaktion.

Was war typischerweise in den Paketen aus dem Westen?

Die Pakete enthielten meist Mangelware und Luxusartikel wie Bohnenkaffee, Schokolade, Südfrüchte in Konserven, Feinstrumpfhosen, Kosmetika und manchmal auch Kleidung oder Spielzeug, um den Alltag in der Deutschen Demokratischen Republik zu bereichern.

Warum kontrollierten die Behörden der Deutschen Demokratischen Republik die Pakete?

Die Staatssicherheit und der Zoll der Deutschen Demokratischen Republik kontrollierten die Pakete, um die Einfuhr von unerwünschten Druckerzeugnissen, Medien oder Devisen zu verhindern. Manchmal wurden dabei auch begehrte Waren wie Kaffee von den Kontrolleuren entwendet.

Gab es auch Pakete von Ost nach West?

Ja, viele Bürger der Deutschen Demokratischen Republik schickten als Dankeschön ebenfalls Pakete in den Westen. Diese enthielten typischerweise regionale Spezialitäten wie Dresdner Stollen oder kunsthandwerkliche Produkte wie Räuchermännchen und Nussknacker.

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